Elektrische Zahnseide: Wie aus einer Idee am Küchentisch ein Dental-Startup wurde

Elektrische Zahnseide: Wie aus einer Idee am Küchentisch ein Dental-Startup wurde

Was passiert, wenn ein Industriedesigner beim Zahnarzt sitzt, mal wieder nach seiner Zahnseiden-Routine gefragt wird und sich anschließend denkt: Das muss doch besser gehen? Im Fall von Andreas und Julia Kissling entstand daraus esavea und ein Produkt, das die Reinigung der Zahnzwischenräume neu angehen soll: elektrische Zahnseide.

Im Praxisflüsterer Podcast spricht Christian Henrici mit Julia Kissling, Mitgründerin und CMO der esavea GmbH, über eine Gründungsgeschichte, die zunächst mit Tesa und einem Zahnseide-Stick begann. Es geht um die Entwicklung der ersten Prototypen, Feedback aus Zahnarztpraxen, eine Reise zu Herstellern nach China und die Frage, wie man einen Markt für ein Produkt aufbaut, nach dem bislang kaum jemand aktiv sucht.

Dabei war eine Karriere in der Dentalbranche für Julia Kissling ursprünglich überhaupt nicht vorgesehen. Sie studierte Journalistik, wollte Moderatorin werden und wechselte später in PR und Marketing. Mit 23 zog sie nach Berlin und lernte dort ihren heutigen Mann Andreas kennen. Schon beim ersten Date erzählte der Industriedesigner ihr von einer Idee, die ihn beschäftigte: elektrische Zahnseide.

Die Idee war aus seinem eigenen Alltag entstanden. Klassische Zahnseide und Dentalsticks empfand er als umständlich, vor allem beim Erreichen der hinteren Backenzähne. Also befestigte er einen Floss-Pick mit Tesa an seiner elektrischen Zahnbürste und probierte aus, was passiert. Der Gedanke dahinter: Ein längerer Griff erleichtert das Erreichen der Zahnzwischenräume, die Vibration unterstützt zusätzlich die Bewegung der Zahnseide.

Was zunächst nach einem privaten Experiment aussah, verschwand allerdings erst einmal in der Schublade. Bis Julia und Andreas fast zeitgleich ihre Jobs bei Start-ups verloren. Plötzlich stand die Frage im Raum, wie es beruflich weitergehen sollte. Und Julia erinnerte sich an die alte Idee ihres Mannes.

 

Vom Tesa-Prototyp zum eigenen Produkt

Aus dem ersten improvisierten Modell entstanden Prototypen aus dem 3D-Drucker. Anfang 2025 gingen Julia und Andreas damit in Zahnarztpraxen und holten gezielt Feedback ein. Die Geräte wurden dort getestet und gemeinsam weiterentwickelt. Auch Details am heutigen Produkt entstanden auf diese Weise, etwa eine Griffmulde, mit der sich das Gerät besser führen lässt.

Ursprünglich wollten die beiden lediglich einen Zahnseideaufsatz für bestehende elektrische Zahnbürsten entwickeln. Genau daraus entstand später auch der Firmenname esavea. Der damalige Arbeitstitel lautete EZA, kurz für elektrischer Zahnseideaufsatz.

Während der Entwicklung zeigte sich jedoch, dass die Idee eines universellen Aufsatzes kaum sinnvoll umzusetzen war. Elektrische Zahnbürsten arbeiten mit unterschiedlichen Systemen und Schwingungen. Gleichzeitig benötigt Zahnseide eine andere Intensität als ein Bürstenkopf. Julia und Andreas entschieden deshalb, nicht nur einen Aufsatz, sondern ein vollständiges eigenes Gerät mit Handstück zu entwickeln.

Andreas arbeitete weiter an Technik und Design, doch bei der Produktion stießen die beiden auf die nächste Hürde. Der ursprüngliche Wunsch, in Deutschland fertigen zu lassen, scheiterte unter anderem daran, dass Hersteller auf die Anfragen des kleinen, unbekannten Start-ups kaum reagierten.

Also flogen Julia und Andreas im März 2025 mit ihren Prototypen nach China. Sie besuchten verschiedene Hersteller und suchten nach Partnern, die sowohl die Anforderungen an die Elektronik als auch an die Zahnseide umsetzen konnten. Im Oktober 2025 traf schließlich die erste Charge ein: 500 Geräte in Weiß und 500 in Schwarz.

 

Wenn die tatsächliche Zielgruppe eine andere ist als geplant

Die ersten Geräte lagerten zunächst in der Münchner Wohnung des Paares. Julia und Andreas verpackten jede Bestellung selbst und legten handgeschriebene Karten bei. Gleichzeitig baten sie die ersten Kundinnen und Kunden aktiv um Rückmeldung. Was funktioniert? Was geht kaputt? Was fehlt?

Dann nahm das Geschäft Fahrt auf. Die erste Charge war ausverkauft, zeitweise war esavea im Winter sogar mehrfach „out of stock“. Und dabei lernten die Gründer etwas, das ihre bisherige Marketingstrategie ziemlich auf den Kopf stellte.

Ursprünglich hatten sie ihr Produkt vor allem für junge, gesundheitsbewusste Frauen positioniert. Die Kommunikation war entsprechend jung und enthielt viele englische Begriffe. Doch die tatsächlichen Käufer sahen anders aus. Laut Julia liegt die größte Zielgruppe inzwischen zwischen 40 und 60 Jahren. Zudem kaufen viele Männer das Produkt. Bei der ersten Charge waren deshalb die schwarzen Geräte deutlich schneller ausverkauft als die weißen Modelle mit Roségold.

esavea passte seine Kommunikation an. Auch beim Vertrieb änderte sich einiges. Eine Marketingagentur unterstützte das Unternehmen zunächst beim Performance-Marketing. Die steigenden Verkaufszahlen sorgten jedoch bald für ein ganz praktisches Problem: Julia und Andreas kamen mit dem Verpacken nicht mehr hinterher.

Ausgerechnet eine Knieoperation von Julias Vater lieferte eine Übergangslösung. Weil er vorübergehend nicht arbeiten konnte, begann er, Pakete für esavea zu packen. Später kam Julias Mutter als Minijobberin hinzu, auch ihre Schwester hilft mit. Aus dem Start-up des Paares entwickelte sich damit Stück für Stück ein Familienunternehmen. Nach Angaben von Julia werden inzwischen im Durchschnitt rund 50 Pakete am Tag verschickt.

Gleichzeitig sorgte die Präsenz auf Social Media dafür, dass das Produkt auch außerhalb der eigenen Zielgruppe wahrgenommen wurde. Zahnarztpraxen meldeten sich und wollten Geräte testen. Es folgte ein Auftritt im Sat.1-Frühstücksfernsehen. Bei stern TV wurde der esavea Flosser von einer Zahnärztin vorgestellt. Julia und Andreas bemerkten zunächst nur plötzlich steigende Verkaufszahlen und erfuhren erst anschließend, woher der Schub kam.

Seit März 2026 arbeitet Julia Vollzeit als Gründerin und CMO im Unternehmen. Die externe Marketingagentur ist inzwischen nicht mehr dabei. Marketing, Kundenservice und viele weitere Aufgaben liegen wieder innerhalb der Familie.

Und die Pläne gehen längst über ein einzelnes Produkt hinaus. Julia und Andreas wollen esavea zu einer Marke für Interdentalreinigung entwickeln. Auf der Wunschliste stehen unter anderem dünnere Zahnseiden für enge Zahnzwischenräume, unterschiedliche Größen, Interdentalbürsten und eine Variante für Kinder. Die verschiedenen Aufsätze sollen sich schnell wechseln und eindeutig unterscheiden lassen.

Eine wichtige Grundlage dafür bleibt der direkte Kontakt zu den Kundinnen und Kunden. Rückmeldungen aus Support-Mails und Umfragen landen direkt beim Unternehmen und fließen in die weitere Produktentwicklung ein.

„Das Feedback ist einfach so wichtig“, sagt Julia Kissling im Podcast. Genau dieser Austausch hat die Entwicklung von esavea von Beginn an begleitet. Vom ersten 3D-Druck in Zahnarztpraxen über die Erkenntnisse zur tatsächlichen Zielgruppe bis zu den nächsten Produktideen.

Im Gespräch mit Christian Henrici zeigt sich damit vor allem, wie viel Entwicklung zwischen einer guten Idee und einem funktionierenden Unternehmen liegt. Die elektrische Zahnseide begann mit einem Floss-Pick und Tesa. Heute steht dahinter die esavea GmbH, ein Familienunternehmen mit eigener Produktion, wachsendem Kundenstamm und dem Ziel, sich ganz auf die Reinigung der Zahnzwischenräume zu konzentrieren.

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