Nocebo- und Placeboeffekt in der Zahnmedizin: Warum Worte über den Behandlungserfolg mitentscheiden
Jede Zahnärztin und jeder Zahnarzt kennt diese Situation: Zwei Patientinnen erhalten die gleiche Behandlung unter identischen Voraussetzungen und trotzdem erleben sie den Eingriff völlig unterschiedlich. Während die eine den Termin entspannt verlässt und kaum Beschwerden entwickelt, berichtet die andere über starke Schmerzen, Ängste oder einen deutlich belastenderen Heilungsverlauf.
Woran liegt das?
In der aktuellen Episode des Praxisflüsterer Podcasts spricht Christian Henrici mit Dr. Anke Handrock über ein Thema, das in der Zahnmedizin noch viel zu selten bewusst eingesetzt wird: den Placebo- und Noceboeffekt. Dabei geht es ausdrücklich nicht um Scheinmedikamente oder Manipulation. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, welchen Einfluss Kommunikation auf den Behandlungserfolg hat — wissenschaftlich belegt und unmittelbar im Praxisalltag anwendbar.
Dr. Anke Handrock ist seit vielen Jahrzehnten als Coach und Trainerin für Zahnmedizin, Medizin und weitere Heilberufe tätig. Ihren Weg dorthin fand sie über die Zahnmedizin selbst. Nach ihrer Tätigkeit als Zahnärztin entwickelte sie sich Schritt für Schritt zur Expertin für Hypnose, Kommunikation, NLP und systemische Praxisführung. Heute unterstützt sie Praxen dabei, Patienten und Patientinnen besser zu begleiten und Teams erfolgreicher zu führen.
Vom schwierigen Angstpatienten zur modernen Kommunikationspsychologie
Der Einstieg in dieses Themenfeld war alles andere als geplant. Direkt nach ihrem Staatsexamen arbeitete Dr. Handrock im schulzahnmedizinischen Dienst und betreute dort regelmäßig Kinder, die als kaum behandelbar galten. Beruhigungsmittel führten nicht zum gewünschten Erfolg, autogenes Training reichte häufig nicht aus. Deshalb begann sie, sich intensiv mit Hypnose auseinanderzusetzen.
Was zunächst als Lösung für besonders schwierige Behandlungssituationen gedacht war, entwickelte sich schnell weiter. Es kamen Methoden wie das Neurolinguistische Programmieren (NLP), systemische Ansätze und Kommunikationstechniken hinzu. Immer mit demselben Ziel: Patienten und Patientinnen besser durch die Behandlung zu begleiten und gleichzeitig die Behandlung effizienter zu gestalten.
Im Gespräch macht Dr. Handrock deutlich, dass es dabei nie um „Tricks“ oder Manipulation geht. Vielmehr gehe es darum, die natürlichen psychologischen Prozesse des Menschen zu verstehen und sinnvoll zu nutzen.
Placebo ist keine Einbildung
Ein zentraler Punkt der Episode ist die wissenschaftliche Einordnung des Placeboeffekts.
Viele verbinden den Begriff noch immer mit einem harmlosen Scheinmedikament oder dem Satz „Das bildet sich der Patient nur ein.“ Genau dieses Missverständnis räumt Dr. Handrock auf.
Der Placeboeffekt ist keine Einbildung. Er löst nachweisbare neurobiologische und biochemische Prozesse im Körper aus. Erwartungen beeinflussen messbar, wie Schmerzen wahrgenommen werden, wie Heilungsprozesse verlaufen und wie Medikamente wirken.
Besonders eindrucksvoll beschreibt sie Studien aus der Schmerzforschung. Dort zeigte sich, dass ein Schmerzmittel deutlich schlechter wirkt, wenn der Patient nicht weiß, dass er es gerade erhält. Wird dieselbe Medikamentengabe dagegen angekündigt, verstärkt allein diese Erwartungshaltung die Wirkung erheblich.
Oder wie Dr. Handrock erklärt:
„Sie können mit Ihrer Sprache quasi Morphiumwirkung fast an- und abschalten.“
Genau darin liegt die enorme Bedeutung der Kommunikation.
Der Noceboeffekt: Wenn Worte unbeabsichtigt schaden
Noch spannender wird das Gespräch beim Blick auf den sogenannten Noceboeffekt.
Während der Placeboeffekt positive Erwartungen verstärkt, bewirkt der Noceboeffekt das Gegenteil. Negative Formulierungen, bedrohlich wirkende Aufklärungsgespräche oder unbedacht gewählte Worte können Ängste verstärken und dazu führen, dass Patienten und Patientinnen Schmerzen oder Nebenwirkungen intensiver wahrnehmen.
Dabei geht es keineswegs darum, Risiken zu verschweigen. Eine sorgfältige Aufklärung bleibt selbstverständlich unverzichtbar — medizinisch ebenso wie juristisch.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie wird aufgeklärt?
Dr. Handrock zeigt anhand aktueller Forschung, dass identische Informationen völlig unterschiedlich wirken können, abhängig davon, wie sie formuliert werden.
Ein Beispiel:
Statt ausschließlich mögliche Komplikationen aufzuzählen, kann zunächst erklärt werden, wie häufig eine Behandlung erfolgreich verläuft. Erst danach werden die notwendigen Risiken erläutert. Zum Abschluss richtet sich der Fokus wieder auf den normalen Heilungsverlauf.
Die Informationen bleiben vollständig, aber die Wirkung verändert sich.
Sprache als therapeutisches Werkzeug
Genau an dieser Stelle wird deutlich, weshalb sich Dr. Handrock seit vielen Jahren intensiv mit Kommunikation beschäftigt.
Sprache transportiert nicht nur Informationen, sie erzeugt Erwartungen und genau diese Erwartungen beeinflussen wiederum die Wahrnehmung der Behandlung.
Viele Techniken stammen ursprünglich aus dem Neurolinguistischen Programmieren (NLP), das Dr. Handrock seit Jahrzehnten einsetzt. Dabei geht es nicht um Manipulation, sondern um bewusstes Formulieren, geschicktes Umdeuten von Situationen und den Aufbau hilfreicher Denkmuster.
Sie beschreibt NLP als Werkzeug, das Kommunikation strukturierter und wirksamer macht, sowohl im Umgang mit Patienten und Patientinnen als auch in der Mitarbeiterführung.
Gerade Zahnärztinnen und Zahnärzte profitieren davon, weil sie täglich Gespräche führen, Ängste auffangen, Behandlungen erklären und Entscheidungen begleiten.
Was gute Führung mit Placebo gemeinsam hat
Im Laufe des Gesprächs weitet sich der Blick über die Patientenkommunikation hinaus. Viele der beschriebenen Prinzipien gelten ebenso für die Führung von Praxisteams. Auch Mitarbeitende entwickeln Erwartungen. Sie orientieren sich daran, wie ihre Führungskraft kommuniziert, Sicherheit vermittelt und Veränderungen erklärt.
Dr. Handrock schildert eindrucksvoll ihre Erfahrungen aus der Corona-Zeit. Praxen, deren Führung klare Orientierung gab und regelmäßig kommunizierte, konnten Unsicherheit deutlich besser auffangen als Teams, denen diese Struktur fehlte.
Dabei beginnt gute Führung aus ihrer Sicht mit einer einfachen Frage:
Was brauchen Mitarbeitende eigentlich, damit sie die Leistung erbringen können, die ich von ihnen erwarte?
Klare Rollen, eindeutige Erwartungen und ein verlässlicher Rahmen schaffen Sicherheit, nicht nur für Patienten und Patientinnen, sondern auch innerhalb des Teams.
Kommunikation lässt sich lernen
Ein besonders beruhigender Gedanke zieht sich durch die gesamte Episode. Niemand muss als Kommunikationstalent geboren sein. Viele der beschriebenen Techniken lassen sich bewusst erlernen und trainieren.
Dr. Handrock beschreibt NLP augenzwinkernd als „professionellen geistigen Diebstahl“. Gemeint ist damit, erfolgreiche Kommunikationsmuster anderer Menschen zu beobachten, zu verstehen und systematisch übertragbar zu machen.
Dadurch entsteht ein immer größerer Werkzeugkasten für schwierige Gespräche, Beratungssituationen und den täglichen Umgang mit Patienten und Patientinnen.
Fazit
Die Episode macht deutlich, dass moderne Zahnmedizin weit über Diagnostik und Behandlungstechniken hinausgeht. Worte beeinflussen Erwartungen. Erwartungen beeinflussen Wahrnehmung. Und Wahrnehmung beeinflusst den Behandlungserfolg.
Wer diese Zusammenhänge versteht, kann Patienten und Patientinnen nicht nur fachlich, sondern auch kommunikativ besser begleiten.
Dabei geht es nicht darum, Risiken zu verschweigen oder Patienten/Patientinnen zu beeinflussen. Es geht darum, wissenschaftliche Erkenntnisse bewusst einzusetzen, um Ängste zu reduzieren, Vertrauen aufzubauen und Heilungsverläufe positiv zu unterstützen.
Oder anders formuliert: Gute Kommunikation ist keine Nebensache, sie ist Teil der Behandlung.
Hören Sie die vollständige Episode im Praxisflüsterer-Podcast, verfügbar auf allen gängigen Podcast-Plattformen.
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