Die Macht der Worte in der Zahnarztpraxis: So lässt sich der Nocebo-Effekt vermeiden
Wie groß der Einfluss von Sprache auf eine Behandlung sein kann, haben Christian Henrici und Dr. Anke Handrock bereits im ersten Teil ihres Gesprächs ausführlich diskutiert. Die Resonanz darauf war groß – und vor allem sehr praktisch. Viele Hörerinnen und Hörer wollten wissen: Was sollte ich im Behandlungsalltag besser nicht sagen? Welche Formulierungen kann ich stattdessen verwenden? Wie lässt sich das im gesamten Praxisteam etablieren? Und wie kann eine rechtlich notwendige Risikoaufklärung gelingen, ohne Patienten durch die eigene Wortwahl erst recht zu verunsichern?
Genau diesen Fragen widmen sich Christian Henrici und Dr. Anke Handrock im zweiten Teil ihres Gesprächs im Praxisflüsterer Podcast. Diesmal geht es weniger um die theoretischen Grundlagen von Placebo und Nocebo, sondern vor allem um die Umsetzung im Praxisalltag – von der ersten Begegnung eines Kindes mit dem Zahnarzt über den Umgang mit Angstpatienten bis hin zur Kommunikation möglicher Nebenwirkungen und Komplikationen.
Warum die Spritze besser aus dem Praxisvokabular verschwinden sollte
Viele Ängste entstehen lange bevor ein Patient auf dem Behandlungsstuhl sitzt. Besonders deutlich wird das bei Kindern. Sie kommen entweder noch weitgehend unbelastet in die Praxis – oder haben bereits von Eltern, Großeltern und anderen Menschen gelernt, dass ein Zahnarztbesuch etwas Unangenehmes sein könnte. Begriffe wie „Zahn ziehen“, „Zange“, „Spritze“ oder „rausstemmen“ erzeugen Bilder, obwohl das Kind die Behandlung selbst noch nie erlebt hat. Besonders ungünstig wird es, wenn der Zahnarzt zu Hause sogar als Drohung eingesetzt wird: Wer seine Zähne nicht putzt, „muss eben zum Zahnarzt“.
Dr. Anke Handrock empfiehlt deshalb, problematische Begriffe nicht nur im Behandlungszimmer zu ersetzen, sondern das Thema mit dem gesamten Team anzugehen. Denn es hilft wenig, wenn der Zahnarzt selbst sehr bewusst formuliert, an der Rezeption aber bereits der Satz fällt: „Du brauchst gar keine Angst zu haben, du bekommst gleich eine Spritze.“ Allein das Wort Angst lenkt die Aufmerksamkeit genau dorthin, wo sie eigentlich nicht hin soll.
Die Alternative besteht nicht darin, Patienten etwas vorzumachen, sondern dieselbe Situation anders zu beschreiben. Statt einen Bereich zu „betäuben“, kann man ihn beispielsweise „unempfindlich machen“. Für ein Implantat wird ein „Bett vorbereitet“, statt den Knochen „aufzumeißeln“. Und statt ein Loch in den Kiefer zu bohren, kann der Zahnarzt erklären, dass er eine kleine Öffnung schafft, in die das Implantat genau hineinpasst. Anke Handrock bringt es mit einem sehr plastischen Beispiel auf den Punkt: „Also zum Beispiel für ein Implantat ein Bett vorbereiten ist was ganz anderes als den Knochen aufzumeißeln.“
Solche Formulierungen lassen sich trainieren. Dr. Anke Handrock schlägt vor, das Thema regelmäßig in Teambesprechungen aufzugreifen und jeweils zwei oder drei typische Begriffe aus dem Praxisalltag zu sammeln. Gemeinsam kann das Team überlegen, welche davon bei Patienten Angst oder Sorgen auslösen könnten und welche Formulierungen künftig stattdessen verwendet werden sollen. So entsteht nicht von heute auf morgen ein auswendig gelerntes Vokabular, sondern nach und nach ein anderes Bewusstsein für Sprache.
Besonders interessant wird dieser Gedanke, als Christian Henrici ihn auf den eigenen Familienalltag überträgt. Denn natürlich greifen auch Eltern manchmal zur schnellen Drohung, wenn das Kind keine Lust aufs Zähneputzen hat. Anke Handrock schlägt einen anderen Weg vor: Kindern lässt sich sehr anschaulich erklären, warum Zahnpflege wichtig ist, ohne gleichzeitig Angst vor dem Zahnarzt aufzubauen. Karius und Baktus dürfen dabei durchaus vorkommen – nur sollte der Zahnarzt nicht die Strafe sein, die am Ende der Geschichte wartet. Stattdessen kann er derjenige sein, der regelmäßig kontrolliert, ob alles sauber und gesund bleibt. Der Zahnarzt wird damit nicht mit Schmerz und Konsequenzen verbunden, sondern mit dem Erhalt gesunder Zähne.
Für sie steckt dahinter ein grundsätzliches Thema, das in der Zahnmedizin ihrer Ansicht nach noch immer unterschätzt wird: „Sprache ist einfach das A und O.“ Denn letztlich sei selbst die tägliche Diskussion mit einem Kind über drei Minuten Zähneputzen bereits eine Art kleines Beratungsgespräch. Dasselbe Prinzip gilt später für erwachsene Patienten, wenn es um Behandlungsentscheidungen oder Investitionen geht. Eine medizinisch richtige Empfehlung allein reicht nicht. Der Patient muss verstehen, warum sie für ihn sinnvoll ist.
Angstpatienten brauchen zuerst Beziehung – und manchmal Hypnose
Beim Thema Angstpatienten macht Dr. Anke Handrock zunächst eine wichtige Unterscheidung. Nicht jede Zahnarztangst ist gleichzusetzen mit einer schweren Traumatisierung. Es gibt Patienten, die tatsächlich traumatische Erfahrungen gemacht haben – teilweise durch frühere medizinische Behandlungen, teilweise aufgrund anderer Erlebnisse im Mundbereich. Bei hochtraumatisierten Menschen braucht es entsprechendes Fachwissen und gegebenenfalls eine Zusammenarbeit mit psychologisch spezialisierten Behandlern. Diese Gruppe unterscheidet sich von den wesentlich häufigeren Patienten mit ausgeprägter Zahnarztangst.
Bei ihnen steht für Anke Handrock zunächst die Beziehung zum Zahnarzt im Mittelpunkt. Das kostet Zeit, kann aber entscheidend dafür sein, ob eine Behandlung überhaupt möglich wird. Manche spezialisierten Praxen beginnen deshalb bewusst mit einem ausführlichen Vorgespräch, in dem zunächst noch gar nicht behandelt wird. Der Patient macht dadurch eine neue Erfahrung: Dieser Zahnarzt hört zu, nimmt sich Zeit und die Situation läuft anders ab als frühere belastende Termine. Gerade bei Angstpatienten können zwei oder drei Gespräche notwendig sein, bis genügend Vertrauen für die eigentliche Behandlung entstanden ist.
Eine weitere Möglichkeit ist Hypnose. Dabei spielt laut Anke Handrock nicht nur die Technik selbst eine Rolle, sondern bereits die Erwartung des Patienten, dass Hypnose seine Angst reduzieren kann. „Das ist im Prinzip bis zu einem gewissen Grad auch ein Placeboeffekt“, erklärt sie. Hinzu kommt, dass entsprechend ausgebildete Zahnärztinnen und Zahnärzte Techniken beherrschen, mit denen Patienten die Erfahrung machen können, eine Behandlung bewältigen zu können. Gerade diese neue Grunderfahrung – auf dem Stuhl sitzen bleiben, den Mund öffnen und die Praxis anschließend verlassen, ohne erneut etwas Schlimmes erlebt zu haben – kann einen wichtigen Unterschied machen.
Wer Hypnose professionell in der Zahnmedizin einsetzen möchte, sollte sich nach ihrer Einschätzung entsprechend ausbilden lassen. Rechtlich vorgeschrieben ist eine spezielle Ausbildung zwar nicht. Sie verweist jedoch auf die Deutsche Gesellschaft für Zahnärztliche Hypnose, deren Ausbildung unter anderem den Umgang mit Angstpatienten, starkem Würgereiz, Kindern und Schmerzhypnose umfasst.
Risiken erklären, ohne Angst zu produzieren
Besonders praxisrelevant ist der letzte Teil des Gesprächs. Denn spätestens bei der Risikoaufklärung entsteht ein scheinbarer Widerspruch: Zahnärztinnen und Zahnärzte müssen ihre Patienten über mögliche Nebenwirkungen und Komplikationen informieren. Gleichzeitig kann genau diese Information negative Erwartungen erzeugen und damit Nocebo-Effekte begünstigen. Wie lässt sich beides miteinander vereinbaren?
Anke Handrock zeigt zunächst, wie missverständlich vermeintlich eindeutige Begriffe sein können. Wird einem Patienten beispielsweise gesagt, Durchfall sei eine „häufige“ Nebenwirkung eines Medikaments, dürfte er darunter etwas völlig anderes verstehen als die medizinische Definition. Christian Henrici schätzt spontan, „häufig“ könne mehr als 50 Prozent bedeuten. Tatsächlich bezeichnet der Begriff laut Anke Handrock Sieine Häufigkeit von ein bis zehn Prozent; erst oberhalb von zehn Prozent spricht man von „sehr häufig“.
Statt die Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Wahrscheinlichkeit einer Nebenwirkung zu lenken, empfiehlt sie deshalb, die positive Wahrscheinlichkeit in den Vordergrund zu stellen. Aus „Bei zehn von 100 Patienten kann diese Nebenwirkung auftreten“ wird beispielsweise die Information, dass das Medikament bei 90 von 100 Patienten wie besprochen wirkt. Die mögliche Nebenwirkung wird trotzdem genannt – nur nicht zum dominierenden Bild im Kopf des Patienten.
Entscheidend ist dabei die Reihenfolge. Dr. Anke Handrock empfiehlt, zunächst die positive Wirkung zu beschreiben, anschließend transparent über die mögliche Nebenwirkung zu informieren und danach noch einmal zur positiven Wahrscheinlichkeit zurückzukehren. „Am Anfang kommt die positive Situation, dann kommt die negative und dann kommt noch mal die positive. Sodass das Negative immer in der Mitte steht und von zweimal positiv eingerahmt ist.“
Das funktioniert auch bei schwerwiegenden Risiken. Am Beispiel einer Narkose zeigt sie, wie sich selbst eine sehr seltene, aber potenziell tödliche Komplikation klar benennen lässt, ohne sie unnötig groß erscheinen zu lassen. Statt ausschließlich auf den einen möglichen Zwischenfall zu fokussieren, lässt sich ebenso transparent sagen, dass bei 9.999 von 10.000 Patienten alles gut verläuft. Die Komplikation wird dadurch nicht verschwiegen oder relativiert – der Patient bekommt lediglich zusätzlich die Größenordnung, die er benötigt, um das Risiko realistisch einzuordnen.
Gerade bei schwerwiegenden möglichen Komplikationen betont sie allerdings auch die Bedeutung einer sorgfältigen Dokumentation. Positive Kommunikation ersetzt niemals eine vollständige Aufklärung. Beides muss zusammenkommen: Der Patient muss wissen, was passieren kann, und die Praxis muss nachvollziehbar dokumentieren können, dass diese Information tatsächlich vermittelt wurde.
Damit führt der zweite Teil des Gesprächs letztlich zurück zum Ausgangspunkt der ersten Episode: Sprache ist kein nettes Extra im Behandlungsalltag. Sie beeinflusst, mit welcher Erwartung ein Patient in eine Situation hineingeht, wie sicher er sich fühlt und wie er eine Behandlung erlebt. Und das Gute daran ist: Viele der Veränderungen brauchen weder neue Technik noch große Investitionen. Man kann bereits in der nächsten Teambesprechung damit anfangen, zwei oder drei Sätze aus dem eigenen Praxisalltag auf den Prüfstand zu stellen – und sich zu fragen, welches Bild sie eigentlich im Kopf des Patienten entstehen lassen.



